Die Liebe, die zu viele Herzen bricht

Oft machen wir unsere Beziehung so viel härter und komplizierter als sie eigentlich sein müssten. Schwierig wurde es dann, als persönliche Gespräche zu Texten, und Gefühle nur noch unterschwellig wahrgenommen wurden. Als Sex ein Spiel wurde, das Wort “Liebe” aus dem Kontext fiel und Vertrauen verblasst weil Ehrlichkeit nicht mehr toleriert wird. Unsicherheiten zum Alltag gehören, Eifersucht wird zu einer krankhaften Routine und das Gefühl verletzt zu werden wurde zur Gewohnheit – und vor all dem davon zu laufen scheint die Universallösung unserer Gesellschaft geworden zu sein.

Wollen wir nicht endlich aufhören davon zu laufen? Ja, wir sollten aufhören. Lasst uns wieder gemeinsam an einem Strang ziehen und den Problemen gemeinsam stellen und. Lasst uns diese Abwärtsspirale durchbrechen, wieder miteinander über Probleme sprechen, einander schätzen, respektieren und vor allem LIEBEN.

Doch wie wollen wir all das schaffen?

Eine Universallösung habe auch ich natürlich nicht. Doch zuallererst sollten wir uns vielleicht von diesem herzzerreißenden Märchen “und wenn sie nicht gestorben sind…” lösen. Unsere stetig über beide Arschbacken grinsende On-Demand-Netflix Konsumgesellschaft suggeriert uns täglich mit ihren perfekten Bildern, dass das Leben ein nicht endender Tag im Disneyland ist. Und irgendwie scheint unsere verbrannte Medienwelt in kaum einer Welt eine solche verkorkste Erwartungen zu streuen, wie in unserer Beziehungen. Mit großem Ehrgeiz wird daran gearbeitet, dass wir nach wie vor glauben eine Beziehung bestünde 24 Stunden aus Sonnenschein und einem schönen Rosengarten. Neuerdings natürlich auch aus Sexspielen, Milliardären und strahlend weißen Photoshop-Zähnen. Und das obwohl wir alle schon mindestens einmal das Gegenteil bewiesen bekommen haben.

Wäre es also, auch zum Wohle aller, nicht vernünftig dem endlich ein Ende zu setzen?

Menschliche Beziehungen brauchen Kompromissbereitschaft, Kraft und Mühen. Eine funktionierende Beziehung braucht zwei Menschen die gleichermaßen bereit sind sich in Vernunft und Geduld zu üben. Zwei Menschen die bereit sind miteinander und füreinander zu lernen und zu wachsen. Es braucht zwei Menschen die sich der Gehirnwäsche unserer Medien entziehen und das Märchen, welches aus aufgetischt wird, neu definieren.

Es ist an der Zeit, dass wir unseren Mut zusammen nehmen und uns eingestehen, dass wir Lüge um Lüge schlucken mussten. All die Jahre will man uns glauben lassen, dass Liebe ein Gefühl ist, dass es sich lohnt zu finden – dabei ist Liebe eine Handlung, in die es sich lohnt zu investieren. Es ist wie ein täglich immer wiederkehrendes Ritual, dem sich zwei Menschen verschreiben.

Das wirklich magische passiert erst dann, wenn wir bereit sind die Realität zu akzeptieren, statt daran festzuhalten, dass eine Beziehung aus unendlichen magischen Momenten besteht. Wenn wir loslassen, dann sind wir wirklich empfänglich für die all Freuden der Zweisamkeit. Dann können wir den Kampf mit all den Hindernissen aufnehmen, welche sich uns in den Weg stellen, aber eben auch erst dann.

Lass Folgendes mal eben auf dich einwirken:

Wenn es in deiner Ehe, deiner Beziehung oder deiner Freundschaft mal nicht rund läuft, dann ist das kein Zeichen dafür, dass du etwas grundsätzlich falsch machst. Die Wahrheit ist, dass diese intimen und komplizierten zwischenmenschlichen Beziehungen immer dann am schwierigsten sind, wenn wir sie richtig machen – wenn du deine Zeit investierst, wenn du kämpfst, wenn du den ehrlichen und offenen Dialog suchst und unangenehme Themen ansprichst, wenn du ein ums andere Mal etwas für den anderen opferst.

Selbst die glücklichsten und längsten Beziehungen basieren nicht auf einem Seelenverwandten, sondern an gemeinsamer harter Arbeit – füreinander. Niemand wird plötzlich vor dir auftauchen und all deine Probleme lösen. Ich glaube an die Liebe auf den ersten Blick – denn im Grunde basiert Liebe auf einem chemischen Prozess und kann sogar in nur wenigen Sekunden passiert – aber auch diese Liebe braucht Zuversicht, Geduld und Pflege. Da draußen sind Menschen, um die es sich zu kämpfen lohnt. Nicht weil es zu irgendeinem Zeitpunkt einfach ist, nein, sondern weil sie es wert sind. Nicht weil sie perfekt sind, sondern weil sie auf eine Art und Weise unperfekt sind, die wir brauchen. Ein Gegenseitig herausfordern der Denkweisen und des Verhaltens, aber auch Unterstützung und Halt bei Veränderung und Wachstum. Man wiegt die kleinen Fehler des anderen auf und wird so, nach und nach, zu einer vereinten Seele die viel effizienter ist, als einer allein.

Doch wie du dir sicher denken kannst, ist es gar nicht so einfach sich all dem bewusst zu werden. Gerade am Anfang ist das natürlich immer sehr hart für einen selbst. Um es etwas besser veranschaulichen zu können, möchte ich euch eine Geschichte von einem alten Bekannten erzählen. Diesmal handelt es sich hierbei auch nicht um Jan, versprochen.

Alles was ich immer wollte

Ihr kennt mich. Ich liebe diese tiefgründigen Gespräche nach einem Gläschen Wein oder Rum. Es ist schon eine Weile her, da saßen ein Freund und ich an seinem 35 Geburtstag zusammen und sprachen über seine Zukunft. Bis zu diesem Tag war er tatsächlich der typische Tinderboy von heute. Eine Affäre nach der anderen, auf der Jagd nach der neuen Herausforderung und der nächsten Frau. Doch irgendwie, so erzählte er mir, solle damit nun endgültig Schluss sein. Er fühle sich ausgelaugt und sehne sich nach der einen Frau. Ich schmunzelte und hielt das einige Minuten für einen schlechten Witz, aber es sollte tatsächlich sein Ernst sein. Er wünschte sich die Frau fürs Leben, die Mutter seiner Kinder und seinen Seelenverwandten. Er wünschte sich die Frau die ihm zeigt, dass es noch Vertrauen und Tiefe in Beziehungen gibt.

Er suchte, nah und fern. All diesen Frauen auf der Welt, zwischen denen er hätte wählen können. Doch er verfolgte tatsächlich seinen Plan. Er erzählte mir von Frauen mit wundervollen Qualitäten und lieben Seelen, doch es war keine dabei, die genau das hatte wonach er suchte. Und dann, als niemand es mehr für möglich gefunden hat, fand er sie. Ich kann euch sagen, sie ist und war wirklich eine wunderschöne Frau. Für ihn war sie perfekt und ich kann mich an sein freudestrahlendes Lächeln erinnern. “Ich habe dich gesucht und ich habe dich gefunden. Glaube mir, du bist die Eine.”, so lauten seine Worte an diese wirklich bezaubernde Frau.

Doch während Tage, Monate und auch ein paar Jahre ins Land verstrichen, merkte er plötzlich, dass sie gar nicht mehr so perfekt war, wie er es am Anfang glaubte. Sie hatte Probleme zu vertrauen, sie haderte mit ihrem Selbstbewusstsein, sie scherzte wenn er über ernste Dinge sprechen wollte und sie hatte weniger Interesse den Staubsauger in die Hand zu nehmen, als er. Es begannen sich Zweifel in ihm breit zu machen… Zweifel ob sie wirklich die Richtige sei. Er begann auch an sich selbst und an allem anderen zu zweifeln.

Und um sich dann besser zu fühlen und diese Zweifel zu bestätigen, begann er sie zu testen. Ständig lief er durch die Wohnung und suchte akribisch nach kleinen Unaufgeräumtheiten, nur um ihr zu beweisen, dass sie nicht genügend auf die Sauberkeit achtet. Er ging absichtlich nur noch mit seinen Single Freunden feiern, nur um ihr zu beweisen, dass sie ein Vertrauensproblem hat. Er fädelte geschickt Gespräche ein, in denen sie scherzte, nur damit er plötzlich umschwenken konnte und sie wieder die Blöde war. Er wollte ihr erneut beweisen, dass keine ernsten Gespräche mit ihr möglich waren.

Seine Tests hörten nicht auf. Auch ich konnte ihm zu diesem Zeitpunkt nicht daran hindern. Falls jemand sich fragt, ich habe es versucht. Sie war natürlich mittlerweile unglaublich verunsichert und verwirrt, denn eigentlich konnte sie überhaupt nichts mehr richtig machen. Er hingegen fühlte sich bestätigt und wollte die Beziehung beenden. Schließlich hatte er in der Vergangenheit Frauen kennengelernt, wie viel erwachsener und selbstbewusster waren. Es war wirklich vorhersehbar, dass er sich plötzlich an einer dieser Kreuzungen befand. Entscheidet er sich für den Weg mit der Frau von der er dachte sie sei perfekt, obwohl er nun Zweifel und mehr als genug “Beweise” dagegen hatte? Oder fällt er zurück in sein altes Muster und stürzt sich von Affäre zu Affäre?

Da konnte wirklich kein Mensch mehr tatenlos zusehen. Wir trafen uns erneut auf das ein oder andere Getränk und sprachen offen über dieses Thema. Irgendwann fragte er mich tatsächlich nach meinem Rat. Und obwohl er Jahre älter war als ich, war mein Rat dieser:

Eine der großen Lehren die wir aus dem Leben ziehen, ist die Tatsache, dass uns immer dieses strahlende und abenteuerliche Licht anzieht. Von jetzt auf gleich, sehen wir nur noch dieses eine Licht. Es ist so hell, so strahlend, so aufregend und so wunderschön. Doch nach einer Weile, wenn unsere Augen sich an dieses Licht gewöhnt haben, bemerken wir, dass dieses Licht auch einen Schatten mit sich bringt … und meistens sogar einen recht großen Schatten.

Wenn wir diesen Schatten bemerken, dann haben wir genau zwei Möglichkeiten: Wir können den Schatten des anderen mit unserem eigene Licht ausleuchten oder wir können wieder davon laufen und weiter nach einem Licht mit weniger Schatten suchen.

Wenn wir von diesem Schatten weglaufen, dann laufen wir aber genau so vor dem Licht davon, dass uns so angezogen hat. Und dann stehen wir da, stellen fest, dass das einzige Licht was nun um uns herum scheint, unser eigenes Licht ist. Wenn wir unserer eigenes Licht auch einmal genauer betrachten, dann bemerken wir etwas sehr ungewöhnliches – auch unser Licht wirft einen Schatten – vermutlich ist dieser Schatten sogar größer als jeden den wir jemals bei anderen gesehen haben.

Sollten wir uns aber dafür entscheiden auf den Schatten des anderen zuzugehen, dann geschieht etwas unglaubliches. Ganz plötzlich und ohne viel Mühe erleuchten wir den Schatten des anderes – und das Licht des anderen erhellt unseren Schatten. Stück für Stück scheinen die Schatten des anderen zu verblassen. Natürlich werden niemals alle Schatten verschwinden, doch immer wenn ein Schatten des anderen stärker wird, können wir diesen mit unserem Licht erhellen und verblassen lassen.

Das Ergebnis: ein noch viel helleres Licht lässt beide Personen erstrahlen. Und so, ganz unbewusst, haben wir das gefunden, wonach wir eigentlich gesucht haben.

Übung macht des Meister – oder eben den Unterschied in der Liebe

Wir sollten uns fortan immer wieder gegenseitig bewusst daran erinnern, dass es kein Schatten ohne Licht und kein Licht ohne Schatten gibt. Wir sollten uns eingestehen, dass der Mensch unvermeidbar nach Bestätigung in anderen Sucht. Doch zu oft verwechseln wir einen anderen Menschen mit einer Tonskulptur – wir können können uns nicht alles so formen, wie wir es uns wünschen. Wir haben haben Lüste und Verlangen, wir wünschen uns Liebe und Glück. Doch wir müssen auch die akzeptieren, dass es eben nicht ohne Schatten geht. Das widerspricht der Realität, ist gegen die Natur und endet zwangsläufig in Enttäuschung.

Das Fundament der Liebe ist die Fähigkeit, den Menschen den wir Lieben, ganz er selbst zu sein. Liebe ist nicht die egoistische Vorstellung eines Partner, wie wir ihn haben wollen. Diese Vorstellung führt zu einer Fantasie, die uns die wahre Schönheit des anderen Menschen übersehen lässt.

Also, ab jetzt, hier und heute:

  • Statt nach mehr Fehlern zu suchen, freue dich über die Dinge die dich/euch glücklich machen. Filtert die Dinge heraus, die wunderbar funktionieren – denn fokussieren wir uns darauf, wachsen diese positiven Dinge stärker heran. Es geht nicht darum alles zu ignorieren, sondern den Schatten zu akzeptieren.
  • Statt den anderen permanent ändern zu wollen, unterstütze ihn in seinen Vorlieben, Wünschen und Vorhaben – Wenn es ein ganz spezielles Verhalten gibt, welches dich stört, dann wird es nicht einfach verschwinden. Wenn du wirklich nicht damit klarkommst, dann sei fair, pack alle Karten auf den Tisch und sprich vernünftig und sachlich mit deinem Partner darüber. Äußere deine Wünsche, sag was du brauchst und akzeptiere ebenso die Meinung deines Partners. Arbeitet füreinander, nicht gegeneinander.
  • Statt sich frustriert abzukapseln, solltet ihr die Nähe suchen. Sich abzukapseln, Probleme zu ignorieren, nicht aufeinander zugehen und den anderen nicht mehr wertzuschätzen, wird niemandem helfen. Im Gegenteil. Ein solches Verhalten löst uns emotional von der Bindung/Beziehung die wir zueinander haben. Wenn wir jemanden ignorieren, dann lehren wir ihm, ohne uns zu leben. Also, geht aufeinander zu.
  • Statt nach einem einfachen Weg zu suchen, freunde dich damit an auch mal etwas zu opfern. Erinnere dich selbst daran, was eine glückliche und funktionierende Beziehung ausmacht: eine Übung bei der zwei Personen morgen aufwachen und sich sagen “All das ist es wert. Du bist es wert. Er ist es wert. Sie ist es wert. Ich bin so glücklich, dass ich dich in meinem Leben habe”. Es geht um die Opfer, welche wir bereit sind zu bringen. Es ist das Wissen, dass es Tage geben wird, an denen auch wir etwas tun müssen was uns nicht gefällt, nur damit wir unserer Liebe ein Lächeln aufs Gesicht zaubern – genau deswegen ist es das wert.

An eines möchte ich uns noch alle erinnern. Beziehungen funktionieren nicht nach einem 50/50 Prinzip. Niemals. Es gibt Tage, da kann unser gegenüber nur 20% geben, an diesen Tagen sollten wir bereit sein auch einmal 80% zu geben. Andersherum gilt dies natürlich auch. Es geht nicht darum sich zu vergleichen und stets die goldene Mitte im Augen zu haben. Es geht um eine gemeinsame Balance. Wir sollten bereit sein uns für den anderen anzupassen, in Zeiten, in denen es einfach Notwendig ist, weil der andere gerade nicht mehr geben kann.

Ja, Liebe muss man schon irgendwie üben. Eine täglich neue Probe von Ehrlichkeit, Präsenz, Kommunikation, Akzeptanz, Respekt, Vergebung. Es bedeutet seinen Verstand und sein Herz zu erweitern – damit all das in Frieden existieren kann.

Lasst uns gemeinsam üben.

Cheers,
euer Alex

Ps: Ja, mein guter alter Freund hat sich für den harten Weg entschieden und sich und seine Beziehung gerettet. Also doch “wenn sie nicht gestorben sind..:” ?? :O

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